Sonntag, 15. April 2018

Das waren noch Zeiten, das waren noch Helden!

Bildertanz-Quelle:Julius Akermann

Die Natur ist etwas zurück

 Kirschbaum, 8. April 2017: Aber es gab dann kaum Kirschen im letzten Jahr
Kirschbaum, 15. April 2018: Nun hoffen wir auf reichere Ernte (und weniger Diebe...)
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Samstag, 14. April 2018

GESPRÄCH MIT EINEM WELTMEISTER - AUS REUTLINGEN


 Er ist 16 Jahre alt. Er wohnt in Reutlingen-Altenburg. Er ist Schüler. Er ist der jüngste Junior-Weltmeister, den die Telemarker je hatten. Sein Name: Louis Uber. Er startete für den VfL Pfullingen, siegte am 25. März in Mürren (Berner Oberland). Und außer seinen Eltern Martin und Gabi ist niemand so stolz auf ihn wie sein älterer Bruder Max. Aber wir, die wir hier leben, folgen ziemlich dicht auf. Denn er ist einer von uns.
Ja, das ist schon eine riesige Leistung,die Louis, der Weltmeister, der aus dem Nichts kam, da hingelegt hat. Gestern haben wir den jungen Mann, übrigens Schüler am AEG, interviewt. Sehr ehrlich. Sehr sympathisch. Ohne irgendwelche Starallüren. Die Kamera wird's Euch beweisen.
Denn in den nächsten Tagen gibt's dazu auch einen Film hier, in dem dann auch alles richtiggestellt ist, was wir in diesem Schnellschreiben noch nicht präzise genug dargestellt haben.
Soviel hat der Autor dieser Zeilen, der keine Ahnung hat vom Skifahren, bereits mitbekommen. Telemark gilt als die ursprünglichste überlieferte Form des Skifahrens, alles andere hat sich daraus abgeleitet. Olympische Weihen hat Telemark dennoch nicht. Wir hier im Raum Reutlingen sind aber auch schon mit dem Weltmeister-Titel zufrieden.
Mehr demnächst in diesem Kino.
Da erklärt uns dann auch der Louis, was Telemark eigentlich genau ist, wie so ein Wettkampf aussieht. Und sein Bruder wird uns humorvoll erklären, warum Louis gar nicht anders konnte als gewinnen. Jetzt zeigt einfach mal den Daumen. Euer Charley.
Bildtext: Links Max Uber, rechts der Weltmeister Louis. Und die Goldmnedaille, ein schweres Stück.
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Donnerstag, 12. April 2018

Wilhelma in den 90er Jahren: Die Affen, die Eisbären...


... waren die Attraktion. Die Eisbären sind fast verschwunden. Und die Menschenaffen haben heute ein völlig neues Zuhause. Also ist dies eine kleine Erinnerung an die Wilhelma, die es so nicht mehr gibt. Aber für viele Menschen aus unserer Region war es der erste "reale" Kontakt mit dieser Tierwelt. Die Kinder von heute erleben dies anders.  

Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer

Dienstag, 10. April 2018

1919: Große Reden auf dem Marktplatz

Der Krieg war verloren. Kaiser und König hatten abgedankt. Die November-Revolution. Das Entstehen der Weimarer Republik - vor einhundert Jahre hatten die Menschen einen sehr hohen Informations-und Meinungsbedarf. Vieles war ungeklärt, bis in die eigene Meinung hinein. Die Parteien, die mit der Revolution von 1848 erstmals auf den Plan traten, waren in der neuen Verfassung nicht als entscheidender Faktor genannt worden. Das sollte erst mit der Entstehung der Bundesrepublik geschehen, als - eine große Ausnahme im Vergleich zu anderen demokratischen Verfassungen - ihnen ein Mitspracherecht eingeräumt wurde, aus dem sie dann fast ein Monopol kreierten. Kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet - allenfalls Zeitungen halfen vor 100 Jahren den Menschen sich über den Stand der Dinge in der Welt zu informieren. Ja, und dann fragt man sich, wenn man Bilder wie dieses sieht, am Marktplatz in Reutlingen, was wohl in den Köpfen der Reutlinger losgewesen war, als sie sich hier trafen,um einem Redner zuzuhören. Haben sie ihn, der ja ohne Mikrophon zu ihnen sprach, überhaupt verstanden? Was mag sie wohl angelockt haben, gleich zu Aberhunderten zum Maximiliansbrunnen zu kommen? Von diesem Bild geht eine Faszination aus, weil man sich heute gar nicht vorstellen kann, dass Menschen aus politischen Motiven heraus ihr Versammlungsrecht derart zahlreich wahrnehmen. Da müsste dann schon jemand kommen, der nicht, weil er eine wichtige Botschaft hat, uns anlockt, sondern weil er Popstar-Status genießt. Das sind jedenfalls so Gedanken, die dem Schreiber dieser Zeilen durch den Kopf gehen.


Bildertanz-Quelle: Adolf Haussmann

Sonntag, 8. April 2018

1969: Es geht ein Zug nach Gönningen - (Lous Loks - Teil 1)

 "Mit MEC 1969 nach Gönningen", hat Lou Franz dieses Bild beschriftet. Der Eisenbahnliebhaber, leider verstorben, war verheiratet mit Hilde Franz, die uns gestern das erste der Fotoalben ihres Mannes zum Einscannen überließ. Eine wahre Fundgrube für alle Freunde des Bildertanzes und der Eisenbahn.
 Lou Franz: "Kurz vor Gönningen"
Bahnhof Ohmenhausen
 Bildertanz-Quelle: Ludwig (Lou) Franz

Samstag, 7. April 2018

Reutlingen - zu Ende gedacht (Teil 4): Die Stadt und ihre Neurosen


Ein unzeitgemäße Betrachtung von Raimund Vollmer


 2018: »Städte, in denen nur noch kontrollierter und natürlich auch wirtschaftlich kontrollierter Raum existiert, sind ein Albtraumvorstellung.«

Esther Kinsky (*1956), deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin


Es ist Dienstag. Fünf Menschen sitzen dichtgedrängt  in einem Auto, und bei der kurzen Fahrt entwickelt sich ein Gespräch über die just gestartete Online-Befragung zum Markenbildungsprozess der Stadt Reutlingen. In deren ersten Paragraph fordern die Markenforscher den Bürger auf zu sagen, was man spontan mit Reutlingen verbindet. Und schon hast Du das Gefühl, dass Du bei einem Psychater auf der Couch liegst.

 Ein Mausoleum für die Perfektion - die Stadthalle, davor ein Platz für uns Stadtneurotiker

Der Autor dieser Zeilen, der sich sofort dem Fragebogen gestellt hat, weiß, dass es wirklich darauf ankommt, dass man das sagt, was einem spontan, als erster Gedanke, durch den Kopf gegangen ist. Er hat seine Antwort eingetippt, und er steht dazu. So outet er sich und gibt zähneknirschend zu, dass es "die Stadthalle" gewesen sei. So hätte er es auch auf dem elektronischen Formular angegeben. Die anderen - inklusive Fahrer - schauen ihn für einen kurzen Moment erstaunt an. Sie hätten in ihrem ersten Gedanken eine andere Assoziation gehabt, ja, sie hätten gar ein Urteil gefällt. Ein Urteil, das besagte, dass ihnen Reutlingen früher besser gefallen habe. Natürlich sähe heute alles sehr viel schöner aus, ungleich sauberer, aber auch klinischer. Natürlich sei die Luft heute erheblich besser als in den fünfziger oder sechziger Jahren, als überall noch Schlote das Stadtbild prägten. Heute sei alles gepflegter.
Es ist in der Tat eine fast schon vollendet künstliche Welt, die sich da vor uns aufgebaut hat. Und dafür stand bei mir "die Stadthalle". Sie steht für eine Welt, die der Philosoph Arnold Gehlen als Beweis heranziehen würde für die Behauptung, dass der Mensch nicht primär durch seine natürlichen Anlagen definiert sei, sondern durch die künstliche Welt der Kultur, eine Welt, die er sich selbst geschaffen hat. Eigentlich - so müsste man meinen - ist das Reutlingen von heute eine ideale Welt für uns Menschen.
Und doch behaupten die Mitfahrer: Reutlingen sei vor 50 Jahren ein viel heimeligeres Städtchen gewesen, quicklebendig und in seiner bruddeligen Art viel freundlicher, nicht so kalt, nicht so fremd. Es wäre eben ihre Stadt gewesen, sagen sie mit einem Hauch von Sentimentalität. Es sei die Stadt der Bürger gewesen, der Menschen, die hier lebten, arbeiteten, sich engagierten. Ja, sie seien samstags häufig mit vollgepackten Einkaufstaschen nach Hause gefahren, wenn's ging mit dem eigenen Auto, ansonsten auch mit der Straßenbahn oder mit dem Bus. Und für manchen sei das meiste in der Stadt auch noch fußläufig erreichbar gewesen. Nach einer Weile geben sie dann zu: "Wir waren ja auch noch jung" - und sparten das Geld für Bus und Bahn, fuhren mit dem Fahrrad oder machten sich zu Fuß auf den Weg in die Stadt und zurück. 
War also das Jungsein der Grund dafür, dass den Menschen hier die Stadt von gestern besser gefiel als die von heute? Spielt uns die Erinnerung vielleicht einen Streich?
Was war das für eine Stadt - in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg? Reutlingen hatte es in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges doch noch ziemlich erwischt. Die Stadt war heftig bombardiert worden, die Menschen wurden von Tieffliegern beschossen - und war schließlich von den Franzosen besetzt worden. Bis weit in die fünfziger Jahre hinein gab es noch Trümmergrundstücke, Ofenheizungen verpesteten die Luft. Kohle und Koks. Es war stickig und staubig, die Straßen waren in einem miserablen Zustand, die Wohnungen klein und hoffnungslos überbelegt. Es war alles eng und manches bestimmt auch engstirnig. 
Metzgerstraße - wenn man genau hinschaut, dann überrascht die Vielfalt - und sie berührt einen seltsam. 
Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, diese Stadt von damals schöner oder gar heimeliger zu finden als die von heute.
Andererseits: Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, der fortgesetzten Industrialisierung, die mit ihrer ungebremsten Dynamik das Stadtleben intensivierte. Hier waren die Arbeitsplätze. Hier waren Wohnungen. Hier waren die Kaufhäuser. Hier waren die Treffpunkte. Hier war das Vergnügen. Hier war die Kultur. Die Stadt wurde noch als eine räumliche und soziale Ganzheit verstanden. In ihr spiegelte sich alles. Bürokratie und Bürger verstanden sich zwar durchaus als Antagonisten, die einen standen für Rationalität, die anderen für Emotionalität, aber die Herrschenden hatten sich noch nicht zu Tode gesiegt. Das Rennen war noch offen. 

Ein Sammelsuriumder Stile - um das sich noch nie jemand gekümmert hat. Alles künstlich, aber bestimmt nicht künstlerisch. Profanbauten wie sie jede Stadt hat. 

Reutlingen hatte sich trotz aller Veränderungen über eine lange Zeit seinen schwäbisch-provinziellen Charme erhalten, seine Gemütlichkeit, war irgendwie immer noch "heile Welt". Nichts war Masche oder Marke, hatte also jene überkünstelte Form, die möglicherweise das Menschsein nicht mehr erschafft, sondern erstickt. Reutlingen war eine Stadt voller Schrullen und Schrammen. Es herrschte eine natürliche Spießigkeit, die jemand, der damals aus einer ganz anderen Gegend Deutschlands kam, fast schon meinte, greifen zu können. Das ist heute nur noch in Resten spürbar, in aufflackernden Momenten, die nichts, aber auch gar nichts mit den Gebäuden und Plätzen zu tun haben, sondern nur mit den Menschen. Diese Momente haben nichts mehr mit der Stadt zu tun - jedenfalls nichts mit der Stadt, wie sie sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat.
Es kam die Zeit der Jugendrevolten, die überall in der westlichen Welt schon ein paar Jahre vor 1968 angesetzt hatte und irgendwann auch Reutlingen in ihren Bann nahm. Es war die Zeit des Jugendkults, der Befreiung von überkommenen Moralvorstellung, des gesellschaftlichen Aufbruchs. Es war die Zeit einer geradezu berauschenden Fortschrittsgläubigkeit. Hinweg mit dem Alten, her mit dem Neuen. Das Rationale und das Emotionale waren sich nicht spinnefeind, sondern verstanden sich als die zwei Seiten derselben Medaille. Endlich besaß Reutlingen mit der Eröffnung des Kaufhauses Merkur eine Rolltreppe. 
 
Das Hochhaus wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Kein Stern leuchtet hier mehr.
Sogar das Hochhaus an der nach dem Krieg deutlich verbreiterten Karlstraße, auf dessen Dach ein stolzer Mercedes-Stern sich drehte, entzückte die Bürger. Aber das Moderne, dem man durchaus zujubelte, hatte eher seinen Platz an der Peripherie, nicht in der Altstadt. In ihrem Zentrum schien Reutlingen eine historische Stadt zu bleiben. Man errichtete Gartenstädte, stampfte Wohnfabriken aus dem Boden, tat alles, um den Ansprüchen der Bürger gerecht zu werden. Auch das Auto wurde voll akzeptiert, bekam seine breiten Straßen und Parkplätze. Stadt und Bürger pulsierten im Gleichtakt.

Alles, was irgendwie mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts assoziiert wurde, landete auf dem Sperrmüll, der an seinen Feiertagen die Bürgersteige blockierte. Es war sehr modern, sehr modern zu sein. Nur die Soziologen, die damals für den Zeitgeist verantwortlich waren, ahnten, dass diese Zwangsprogressivität nur von kurzer Dauer sein würde und sehr schnell umschlagen könnte in eine Nostalgiewelle. Und die kam dann ja auch mit den siebziger Jahren. Bundeskanzler Willi Brandt (1969-1974) sprach von "Lebensqualität" - und nach der strebte man nun überall, ebenso nach "mehr Demokratie". Und irgendwie hatte man das Gefühl, dass von nun an, alles möglich sei. "Anything goes", hieß - nach einem Song des Musical-Komponisten Irving Berlin - der Wahlspruch überall in der westlichen Welt. Alles geht.
Aber jetzt drifteten Rationalität und Emotionalität auseinander. Umstritten war der Bau des neuen Rathauses, er spaltete die Stadt. Das war 1966 der Anfang. Man rückte ins Zentrum vor, in das Herz der historischen Stadt. Mitten hinein pflanzte man etwas ganz anderes, etwas, das reine Vernunft mit kalter Schönheit zu verbinden suchte.
Der von den Verwaltungstrakten separierte Ratssaal erhob sich gar auf stolzen Stelzen über die Köpfe der Bürger. Auch der Abbruch von Klein-Venedig befremdete viele Bürger. Häuser mit großer geschichtlicher Bedeutung wie der Zwiefalter Hof mussten in den siebziger Jahre Funktionsbauten wie einem Parkhaus weichen. Dessen Bau war mächtig umstritten - und erhitzt heute noch die Gemüter.
Dazu passt auch das Ende der geliebten Straßenbahn, die an ihrer prominentesten Stelle, der Wilhelmstraße, dem ganzen Arrangement der historischen Stadt die Krone aufsetzte. Ihre Abschaffung war - nach Aussage vieler Bürger - "die größte Sünde" überhaupt. Mit dem Ende der Straßenbahn verlor diese Stadt endgültig ihre Komposition als dynamisches Gesamtkunstwerk. Die alte, den Menschen inspirierende Künstlichkeit schwand dahin. 
 
Die Marienkirche - hier ahnt und atmet man das andere Reutlingen

Heute ist die Wilhelmstraße in ihrem unteren Teil nur noch eine Hitparade der Ladenketten. Und die obere Wilhelmstraße, nach wie vor ein Kleinod, kämpft um ihre Existenz. Hier, wo Reutlingen am schönsten ist, ist unsere Stadt vor allem Kleinstadt, in der nach wir vor die Kirche das größte und wichtigste Gebäude ist. Wie die Marienkirche mit ihrem stillen Stolz, die sich weder durch das Weindorf noch durch den Weihnachtsmarkt beirren lässt. Sie erträgt es auch gnädig, wenn sich nun der Weibermarkt mit weiteren Events an sie heran kuschelt. Sie ist eine künstliche Oase, alles an ihr und in ihr ist menschengemacht. Und vielleicht der kommunikativste Ort in der Stadt überhaupt. Wer je ein Konzert in ihr besucht hat, den überkommt eine unglaubliche Vertrautheit mit dieser Stadt und ihren Menschen. Er ahnt das andere Reutlingen.
Seit den siebziger Jahren wurde die Kluft zwischen der Rationalität und der Emotionalität immer tiefer. Es war der Konflikt zwischen dem System Stadt und dem Leben Stadt, zwischen der Stadtmaschine und dem Stadtmenschen. Je perfekter dabei das System, die Maschine, wurde, desto maroder wurde das Leben, der Mensch.
Obere Wässere: mehr rational als emotional 
"Es ist bestürzend, dass man derzeit in Deutschland wie irrsinnig danach trachtet, den Bewohnern der Städte eine menschenfeindliche Modernität aufzudrängen", beschreibt 1992 Eberhard Zeidler, ein hoch angesehener Architekt, einen Trend, der bis heute anhält. Dabei ist es heute wichtiger denn je, den Städten einen neuen Geist einzuhauchen - einen Geist, der nicht mehr stur den stumpfsinnigen Pfaden des technischen Fortschritts und der Wirtschaftskraft folgte, sondern sich von den Ansprüchen eines menschenwürdigen Gemeinwesens leiten lässt. 

Ein Ausbund der Trostlosigkeit: Der Zentrale Omnibus-Bahnhof 
Aber stattdessen wurde und wird auch Reutlingen weiterhin umstellt von kalten Funktionsbauten und Funktionsplätzen wie dem ZOB, dem Zentralen Omnibus-Bahnhof, einer hochsubventionierten Fehlkonstruktion. Vielleicht ist es das neue Theater "Die Tonne", abseits auf ihrem entlegenen Berg und ausgestattet mit einem eigenen Ensemble, von wo aus eine solche Botschaft kommen könnte. Die Stadthalle verhält sich in ihrer leicht arroganten Distanziertheit wie das Programm, das sie zwischen den Aufführungen der Württembergischen Philharmonie durchleidet - als Gastspiel. Richtig angekommen ist sie hier noch lange nicht, vielleicht auch deshalb, weil ihre Belegung eklektisch ist, zusammengewürfelt aus Programmbausteinen, die von außen kommen.
Nichtsdestotrotz ist Reutlingen immer noch schöner als viele, viele andere Städte in Deutschland. Und diese Stadt ist es wert, dass man über sie redet - auch und gerade in einer Weise, wie es denen nicht gefällt, die nach klinischer Vollkommenheit streben, nach einer Niemandsstadt. 
Hie und da brucht noch das Unvollkommene durch - eine Brache, die noch ihrem Ende zustrebt. 
Die große Hannah Arendt, Publizistin und politische Theoretikerin (1906-1975).  meinte einmal: "Denn menschlich ist die Welt nicht schon darum, weil sie von Menschen hergestellt ist, und sie wird auch nicht schon dadurch menschlich, dass in ihr die menschliche Stimme ertönt, sondern erst, wenn sie Gegenstand des Gesprächs geworden ist." Und dieses Gespräch darf nicht einseitig sein, bestimmt von einer Elite, ob sie nun im Rathaus sitzt oder im Ratssaal, ob in den Großorganisationen der Wirtschaft und des Handels oder in Redaktionsstuben, ob in Regierungspräsidien, Kreistagen oder Landtagen.
Dieses Gespräch gehört uns.
Freunde der Zahnradbahn - hier kann jeder Fachmann sein. Hier funktioniert das Gespräch. Und die Umgebung ist alles andere als perfekt. Aber sie hat ungemeine Qualität.Hier entsteht das Neue aus dem Alten...

"Erstaunlich finde ich auch das Schweigen einer Bevölkerung, die hier nicht ihren Wünschen Ausdruck gibt. Sie scheint vor dem Geschrei der sogenannten 'Fachleute' zu verstummen", meinte 1992 der Architekt Zeidler. Und wenn die Bürger dann doch ihre Stimme erheben, müssen sie damit rechnen, dass sie gleich als Bruddler abgestempelt werden.  
Zeidler zitiert er den Schriftsteller T.S. Eliot, der 1948, also vor 70 Jahren mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Kunst müsse immer neu sein, um Kunst sein zu können, jedoch um neu zu sein, muss sie im Bewusstsein der Vergangenheit stehen. So referenziert Zeidler den Dichter.
Ohne Geschichte entsteht nichts Neues. In diesem Geiste ist 2004 der Bildertanz entstanden. Dessen Konzept hat die Stadt bis heute nicht verstanden. Das will sie auch gar nicht. Hier entsteht viel zu viel Neues aus dem Alten. 

Für immer in ein nonverbales Gespräch vertieft. Kein Kind, das nicht einmal hier verharrte. 

So verdichtet sich mehr und mehr der Verdacht, dem die Stadtgestalter Reutlingens ausgesetzt sind. Sie planen ohne Geschichte, sie streben die totale Zeitlosigkeit an, die absolute Vollkommenheit. Kein Wunder, dass im Bürgerpark die Bäume nicht gedeihen wollen. Kein Wunder, dass die Listhalle innerhalb kürzester Zeit abgerissen wurde. Kein Wunder, dass das  Industriemagazin bis heute ein Aschenputteldasein fristet, obwohl hier nun wirklich zentrale Geschichte festgehalten wird - eine Geschichte, die niemals zu Ende ist, die nie vollkommen sein kann, eine Geschichte, die immer Gesprächsthema sein muss, um das Neue kreieren zu können.  
Die Stadt muss Stadtgespräch sein. Ob dies die Befragung zum Markenbildungsprozess leisten kann, werden wir nicht daran sehen, wie viele sich daran beteiligt haben, hier sind ja der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Wir werden es auch nicht daran sehen, welche Antworten wir gegeben haben. Wir werden es daran sehen, wie die Stadt diese Antworten interpretiert.
Meine erste Antwort auf die Frage, was mir zu Reutlingen spontan einfällt, war - wie gesagt: die Stadthalle. Es war eine ehrliche Antwort, vor der ich selbst erschrocken war. Aber diese Antwort war nicht unbedingt als Kompliment gemeint, schon gar nicht als Marke. Die Stadthalle ist ein reines Marketingprodukt - wie ein Marke. Beide sind in ihrem Anspruch auf Perfektion programmiert, wir, die Bürger, sind es nicht. Wir wollen leben.
Zugegeben: Unsere Gesellschaft befindet sich keineswegs in einem gesunden Zustand, obwohl wir in Reutlingen weit entfernt von den sozialen Zuständen anderer Städte sind. Auch wir spüren den Wandel der Werte: "Männer sind nicht mehr unbedingt Väter, Väter nicht mehr unbedingt Alleinverdiener, Alleinverdiener oft nicht mehr Ehemänner. Während in früheren Generationen soziale Schicht, Einkommenslage, Beruf, Ehepartner und politische Einstellung meist aus einem sozialen Guss waren, zerfällt dieses biographische Paket jetzt in seine Bestandteile", formulierte 1990 der Soziologe Ulrich Beck einen Trend, der sich seitdem verschärft hat. Er meinte: "Die moderne Gesellschaft spaltet sich auf in ein in den Institutionen geltendes Selbstbild, das die alten Sicherheiten und Normalitätsvorstellungen der Industriegesellschaft konserviert, und in eine Vielfalt lebensweltlicher Realitäten, die sich immer weiter entfernen".
Was Beck uns damit sagen wollte: Je mehr sich ein System wie die Stadt auf sich selbst bezieht, möglichst noch im Namen von Fortschritt, Wissenschaftlichkeit, Wirtschaft(lichkeit) und Vernunft als treibende Kraft, desto weniger entspricht sie den Lebenswirklichkeiten. Die Menschen spüren, dass sie mehr und mehr in die unterschiedlichsten Wirklichkeiten zerrissen werden, ihre Identität eigentlich gar nicht mehr sichern können, ihre Widersprüche ungeklärt aushalten müssen, sie vielleicht schon gar nicht mehr bemerken. Sie haben kaum noch eine Chance, mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Dafür scheint das Selbstbildnis einer Stadt umso strahlender darzustellen. Dabei reduziert sich das einstige Gemeinwesen, was ja die historische Stadt war, auf das Niveau einer Marke, dem Tor in die Zeitlosigkeit - und zumeist von einer Banalität durchdrungen, die einen sprachlos macht.
Die "Rheinische Post" aus Düsseldorf hat solche Slogans mal zusammengestellt. Hier ein paar Sprüche: "Bochum macht jung" - "Sei Stadt, sei Wandel, sei Berlin" - "Wo jeder jemand ist" - "Jena Lichtstadt" - "München mag Dich" - "Bielefeld bewegt" - "Bonn. Die Stadt" (Ein Spruch, der mir für Reutlingen gefallen würde - im Unterschied zu "Reutlingen. Der Kreis") "Stuttgart - Motor Deutschlands" - "Chemnitz - Stadt der Moderne" - "Freiburg - Green City"
Humor spielt jedenfalls nirgendwo eine Rolle. Waren das noch Zeiten, als das Land Baden-Württemberg ganz Deutschland mit seinem Slogan amüsierte: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch."
Aber selbst da wurde die System-Neurose sichtbar: der Glaube an die eigene Perfektion. 
Perfektion aber ist das Gegenteil von Qualität.

Mittwoch, 4. April 2018

DAS RATHAUS: SEIT FÜNF JAHREN UNTER DENKMALSCHUTZ.


 Um 1966 - Bildertanz-Quelle:Friedrich Dittmar
 Im 21. Jahrhundert -
Eigentlich hatte es damals so keiner richtig mitbekommen, aber mit Schreiben vom 2. Mai 2013 teilte das Regierungspräsidium über sein Referat 26, das für Denkmalpflege zuständig war, mit, dass der Rathauskomplex ein Kulturdenkmal sei: "Das Reutlinger Rathaus gehört zu den großen, ortsbildenden Wahrzeichen der Stadt. Es steht zugleich für den wirtschaftlichen Aufschwung und den Wiederaufbau Reutlingens nach dem zweiten Weltkrieg, wie -in Bezug auf seine Architektur - für die so genannte zweite Nachkriegsmoderne mit ihren charakteristischen Großbauten aus Beton." Und damit stand fest, dass das Rathaus, nicht gerade das Lieblingsgebäude der Reutlinger, aber nunmehr ein Wahrzeichen, "im Rahmen des Zumutbaren zu erhalten und pfleglich zu behandeln sei". So schilderte uns in seiner treutrockenen Sprache der Reutlinger Generalanzeiger mit einer Verspätung von neun Monaten, im Februar 2014, was schon lange im Amt bekannt gewesen sein muss, aber wohl niemand für erwähnenswert hielt. Nun soll das Rathaus saniert werden zu einem Preis, bei dem sie die Stadthalle zumindest einholen wird. Eine Erwartung wird sich dabei nicht erfüllen lassen: Schöner wird's nicht - und wahrer auch nicht, dieses Wahrzeichen.
Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer (aktuell)

Unsere Busse: Magirus-Deutz

Bildertanz-Quelle: Ingeborg Freining

Montag, 2. April 2018

Die Zukunft

Bildertanz-Quelle:Raimund Vollmer (zum Glück ist dies wenigstens ein Standbild)

Sonntag, 1. April 2018

STADTHALLE SOLL ZU EINEM EIGENEN BÜHNENDRAMA UMGESTALTET WERDEN.

WAS WIE EIN APRILSCHERZ AUSSIEHT, IST NUR TARNUNG.
Das hier gezeigte Bühnenbild ist bereits selbst das Drama, bei dem sogar mit Absicht BUH-Rufe provoziert werden sollen.
Künstler aus ganz Deutschland wurden jetzt von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch aufgefordert, Vorschläge für eine Neugestaltung der Stadthalle als Kulisse für moderne Dramen zu erarbeiten. Der weltberühmte Künstler Peter Lenk hat nun seine in Horb beheimateten Figuren nach Reutlingen bringen lassen und hier auf und im Umfeld der Stadthalle installiert. Der Transport der tonnenschweren Figuren war auch der eigentliche Grund für die Staus in den letzten Tagen, erklärte jetzt Staubürgermeisterin Ulrike Hotz. Links sehen wir auf dem Balkon der Stadthalle den Gott "Zeus", der sich in einen Schwan verwandelte, nachdem der griechische Obergottmeister von einem Reichsadler bedroht fühlte, der um ihn einen Stadtkreis ziehen will. Zeus flüchtet über den Leda-Graben zu Leda (deren Name nun offiziell für die bisherige Lederstraße gilt). Er will sie verführen. Sie entrinnt ihm zwar mit einem tollkühnen Sprung vom Balkon, doch Zeus setzt ihr nach. Leda erliegt schließlich dem Wedeln seiner Flügel, geht mit ihm zurück in die Stadtfalle und wird von ihm geschwängert.
Erniedrigt und gedemütigt gründet sie daraufhin in Reutlingen im Krankenhäusle eine Me-Too-Bewegung und nennt sie plakativ Schwesterhaus. Aus der gerichtsanhängigen Verbindung mit Zeus geht übrigens der Junge Pollux hervor. Er wird der Schutzpatron aller Diesel und versorgt sie mit einem neuen Saubertrank, der weder schummelt noch schimmelt.
Im Vordergrund sehen wir eine zweite unbekleidete Dame, die in der feinen Welt Reutlingens ebenso viel Anstoß nehmen wird wie Leda. So sei aber nun einmal Großstadt,heißt es beschwichtigend im Rathaus. Danach krehert doch kein Hahn, meldet die Pressestelle der Stadt Reutlingen. Wir wunderten uns anfangs über so viel Toleranz, sind aber dann dem Geheimnis auf die Spur gekommen.
Diese Figur ist in Wirklichkeit eine neue Messstation, nachdem es nicht gelang, trotz der zahlreichen Maßnahmen die Werte an der bisherigen Anlage am Ledagraben zu drosseln. Die neue Messanlage hingegen, im Volksmunde respektlos und dem Niveau der Reutlinger angemessen "fette Henne" genannt, schluckt alle Schadstoffe, bevor sie gemessen werden. Brutalst mögliche Aufklärung des Bildertanzes ergab zudem, dass diese Inszenierung an der Stadthalle als Aprilscherz getarnt wurde, um dahinter die eigentlichen Maßnahmen zu verbergen. Wie schon so oft, versteht es unsere Stadtverwaltung auch hier wieder, gewaltige Kulissen zu errichten,um die eigentlichen Tatsachen zu verbergen. Doch seitdem es den Bildertanz gibt (übrigens auch nur eine Tarnorganisation, hinter der in Wirklichkeit die Bruddlerbocks Reutlingens steht), werden diese Aktionen sehr streng durchleuchtet.
Wir haben das Negierungspräsidium in Trübingen bereits informiert, dass in Reutlingen mit unlauteren Mitteln daran gearbeitet wird, die Zahlen zur Umweltbelastung zu verfälschen. Dies sei doch das Privileg der Landesregierung, in deren Auftrag allein das Negierungspräsidium die nackten Fakten ermitteln darf. Nichtsdestotrotz halten wir die Idee von Barbara Bosch, die Stadthalle als Kulisse für große Inszenierungen zu nutzen, für ganz, ganz großes Kino - wie es einer Großstadt angemessen ist. Charley und seine Bruddler.
Bildertanz-Quelle: Die Leda-Strasse
Bildertanz-Quelle:

KLUCKS KÖNIGLICHE CONNECTION



HIER SPRICHT DER HAGEN. Unlängst hatten wir ihn besucht, den Reutlinger Stadtrat Hagen Kluck, der in seinem Leben das war, was man nie wieder loswird, wenn es einen gepackt hat: er war Journalist - und das bei der wohl außergewöhnlichsten Lokalzeitung in Deutschland, beim Schwäbischen Tagblatt. Er erzählt über ein Ereignis, das nun auch schon bald vier Jahrzehnte zurückliegt - die Vermählung von Prinz Charles und Lady Di. Was hat das mit Loklajournalismus zu tun? Hagen fand eine Antwort, die er selbst als "Schwachsinn" empfand. Zu so viel Selbstkritik sind halt nur Journalisten fähig... Meint voller Ernst Euer Charley, der diesen Beruf wie Hagen von der Pieke auf erlernen durfte. Im Lokalen, dort, wo die echten Menschen sind. ;-) Mit Hagen Kluck und anderen basteln wir gerade an einem Zeitzeugen Film über die fünfziger und sechziger Jahre. Bildertanz-Quelle: Raimund Vollmer