Freitag, 27. November 2009

Das wahre Wirtschaftswunder


„Charley“, sagt der Vollmer, „gehören Manager eigentlich auch zu den Leistungsträgern?“ Ich schaue meinen Chef völlig verdutzt an. Ist der Papst katholisch? Doch sein Pokerface sagt mir alles. Er will mich schon wieder reinlegen. Aber dem werde ich es diesmal zeigen. „Können Journalisten schreiben?“ frage ich ihn. Der Vollmer grinst übers ganze Gesicht. „Gute Frage. Du kannst sie mir beantworten. In einer Stunde habe ich Deine Glosse auf dem Schreibtisch.“ Während der Chef vom Bildertanz wieder in seinem Bildertanz-Büro verschwindet, rufe ich ihm noch nach. „Und zu welchem Thema?“ – „Natürlich über Leistungsträger“, schallt es zu mir rüber. „Und Manager.“

Okay. Dann fangen wir einmal an. Also: Manager sind Träger von Leistungen, die andere erbringen. Sie managen Leistungen. Das allein macht sie zu Leistungsträger. Darin ähneln sie sehr den Politikern. Deshalb ist es kein Wunder ist, wenn die Politik nun die Leistungsträger entdeckt. Kurzum: Im Leistungsträger entdecken Politiker und Manager vor allem sich selbst. Sie sind sich sehr ähnlich, sind sie doch beide Geschöpfe, die man vor 100 Jahren erfunden hat, damit sie großen Organisationen das Gefühl geben, sie würden immer noch geführt, obwohl deren Gründer längst gestorben sind. Es ist so, als wenn wir glauben würden, dass zum Beispiel an der Spitze der Politik Frau Merkel stünde. Zugegeben: Manchmal gelingt es den Managern und Politikern durchaus, uns das Gefühl zu geben, wir würden geführt. Und die Vermittlung dieses Gefühls ist in der Tat eine Leistung. Es ist die einzige Leistung, deren Träger die Politiker und Manager tatsächlich auch selbst sind. Die Frage ist nur: Worauf gründet diese Leistung?

Ein kluger Harvard-Professor hat einmal gesagt: Unternehmer lieben den Wandel, Manager nicht. Manager lieben Komplexität, Unternehmer nicht. Solange also an der Spitze unserer Organisationen Manager stehen, müssen wir damit rechnen, dass unsere Welt komplexer wird. Denn je komplexer sie wird, desto weniger lässt sie sich wandeln. Das Ergebnis ist eine ausufernde Bürokratie, eine Regelungsdichte, die überhaupt keinen Spielraum mehr lässt für Unternehmertum. Unsere Sozialsysteme sind zum Beispiel so kompliziert, dass sie keiner mehr durchschaut. Aber davon, dass keiner mehr durchblickt, leben inzwischen so viele, dass man sie gar nicht mehr ändern kann. Und um dies sicherzustellen, sucht man nach Möglichkeiten, wie man diese Welt noch komplexer und komplizierter machen kann. Ein Leistungsträger ist in diesem Umfeld jemand, der mit seiner Leistung den Wandel verhindert. Und das empfinden wir dann als Führung.

Manager werden oftmals dafür gerühmt, dass sie Komplexität beherrschen. Es ist aber eine Komplexität, die sie und ihre Kollegen selbst konstruiert haben. Das bietet doppelten Schutz: Erstens sorgt er dafür, dass immer nur Manager nach oben kommen. Denn sie allein beherrschen die Komplexität, deren Schöpfer und Produkt sie zugleich sind. Zweitens kann man dieser Komplexität immer die Schuld geben für eigenes Versagen. Mehr noch: In der Komplexität lässt sich sogar eigenes Versagen hervorragend verstecken. Und das alles sind Leistungen, die ein hohes Salär rechtfertigen. Manager sind Träger von Leistungen, die es ohne Manager gar nicht gäbe. Auch darin sind sie den Politikern nicht unähnlich. Deshalb ist es klug, wenn die Politiker die Leistungsträger hofierem und umgekehrt. Beide bilden ein uneinnehmbares Bollwerk gegen jegliche Form des Wandels. Man hilft sich gegenseitig – gegen den Wandel, vor allem in der Not. Denn der Wandel ist etwas, von dem man nie weiß, wohin er einen führt und wie er funktioniert. Und das ist gefährlich.

Leider tauchen immer wieder Störenfriede auf, die trotzdem den Wandel riskieren. Früher nannte man sie Unternehmer, heute nennt man sie Mittelstand. Das soll aber nicht heißen, dass sie deshalb auch schon im Mittelpunkt stehen. Im Gegenteil: Sie sind eher eine Randgruppe, die vor allem den Rand halten soll. Zugegeben: Als Leistungsträger sind sie in der Masse sehr zuverlässig. Sie schaffen die meisten Arbeitsplätze und zahlen die meisten Steuern und Abgaben. Aber individuell sind sie äußerst unzuverlässig. Sie haben im „Land der Ideen“ immer genau die Ideen, die alles durcheinander bringen. Sie verlangen das Abschaffen der Bürokratie und stören mit neuen, genialen Wettbewerbsprodukten bei den Vorstandssitzungen die Tagesordnung. Sie reisen durch die ganze Welt und bringen den Wandel zu uns herein. Das schlimmste aber ist: Gegen sie ist kein Kraut gewachsen.

Denn sie sind es, die bis heute die Systeme bezahlen, von deren Leistungen sie selbst am wenigsten profitieren. Wenn es ums Verteilen geht, kommt der Mittelstand immer zu spät. Trotzdem überlebt er. Und das ist eine Leistung, die man nicht managen kann. Sie ist ein Wunder – das wahre Wirtschaftswunder.

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